Faunistisches Monitoring in alpinen Lebensräumen
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Faunistisches Monitoring in alpinen Lebensräumen

Der Verlust der Biodiversität vor allem in den Siedlungs- und Wirtschaftsräumen des Menschen ist in den letzten zwei Jahrzehnten ein weltumspannendes Problem geworden. Dieser Verlust betrifft die Arten, die Lebensräume und die genetischen Ressourcen.

Seit der Industriellen Revolution mit deren technischen Errungenschaften und der Nutzung von Erdöl in den Verbrennungsmotoren haben wir Menschen in den letzten 150 Jahren die Lebensräume vieler Pflanzen- und Tierarten massiv verändert, verkleinert, verschlechtert, übernutzt, zerstört. Diese unsere Aktivitäten bis hin zur Vertreibung indigener Völker, Landraub, Flächenverlust, Verinselungen von Lebensräumen, Vergiftungen und lang anhaltenden und nachwirkenden Belastungen von Böden, Gewässern und der Luft sind Mitverursacher für die besorgniserregende Abnahme der biologischen Vielfalt.
Monitoring der faunistischen Biodiversität 
Wenn man fundierte und korrekte Aussagen über den Biodiversitätsverlust, also über den Verlust von tierischen und pflanzlichen Arten oder von Lebensräumen machen will, muss man über gute wissenschaftliche Datengrundlagen über einen längeren Vergleichszeitraum verfügen.  Der Begriff Biodiversität zieht in die öffentliche Diskussion erstmals nach der internationalen Konferenz von Rio de Janeiro zur Biodiversität im Jahre 1992 ein. Das Jahr 2010 wurde von den Vereinten Nationen zum internationalen Jahr der Biodiversität ausgerufen. Im Mai 2010 hat an der römischen Universität La Sapienza die erste nationale Konferenz zur Biodiversität in Italien stattgefunden. In der Folge wurde ein Zehnjahresplan2010-2020 zum Erhalt der Biodiversität in Italien formuliert und vom Umweltministerium wurden zweckgebundene Finanzmittel für das Monitoring der Biodiversität zur Verfügung gestellt.  
Zur Erinnerung: Vor nunmehr 28 Jahren war am 5. Juni 1992 war die Konvention zur Artenvielfalt von Rio de Janeiro unterzeichnet (Convention on Biological Diversity CBD). In Italien ist die Biodiversitätskonvention von Rio am 14. Juli 1994 in Kraft getreten.

 

Standardisierte Methodik in den vier Nationalparken im italienischen Teil des Alpenbogens
Auf der Basis einer Methodik, welche im Nationalpark Gran Paradiso 2006 im Feld erprobt wurde hat  der Nationalpark Stilfserjochim Jahr 2013 mit den drei anderen Nationalparken im italienischen Teil des Alpenbogens Gran Paradiso, Val Grande und Dolomiti Bellunesidas Projekt „Monitoring der Biodiversität in alpinen Lebensräumen“ausgearbeitet, beim Umweltministerium zur Finanzierung vorgelegt  und in den Sommermonaten der Jahre 2013-15 im Feld umgesetzt. Koordinator im Nationalpark Stilfserjoch war Dr. Luca Pedrotti. 

Schaffung einer Datenreihe und Datenbank 
Dem Gemeinschaftsprojekt der vier Schutzgebiete liegt der fachliche Ansatz zugrunde, dass bestimmte Tierarten empfindliche Bioindikatoren für Veränderungen in ihren Lebensräumen sind. Als besonders taugliche Zeiger für Umweltveränderungen erweisen sich die Insekten. Insekten machen über 70% der bis heute beschriebenen Tierarten aus. Insekten haben kurze Lebenszyklen und viele Generationen, Insekten dringen in die verschiedensten Lebensräume vor.  Wir haben im Gebiet des Nationalparks Stilfserjoch entlang eines Höhentransektes von der montanen bis zur alpinen  Höhenstufe 76Probeflächen(plots) ausgewählt, um auf diesen Flächen von Frühjahr bis Herbst in vierzehntägigen Begehungen die in Bodenfallen gefangenen Insekten einzusammeln und anschließend in ihren Familien, Gattungen und Arten zu bestimmen. Der methodische Ansatz war in allen vier Nationalparken derselbe: Auf den ausgewiesenen, jeweils gleich großen Probeflächen wurden in zwei aufeinanderfolgenden Sommern die vorhandenen Tiere der ausgewählten Tiergruppen erhoben und deren Artenanzahl aus den Erhebungsjahren gemittelt. Nach fünf Jahren Pause sollte die Felderhebung auf den gleichen Probeflächen mit derselben Methodik wiederholt werden. Aus dem Vergleich der erhobenen Artenanzahl lässt sich die Ab- oder Zunahme der Artenvielfalt quantifizierend ermitteln.

 

Die als Bioindikatoren ausgewählten Taxa
Von den Wirbellosen wurden folgende Gruppen erhoben:
aus der Gruppe der Käfer die Familie der Laufkäfer (Carabidae) und der Kurzflügler (Staphylinidae);
von den Spinnentieren (Arachnida) die Familie der Webspinnen (Aranae);
von den Hautflüglern die Ameisen (Formicidae);
von den Schmetterlingen die Tagfalter (Lepitopterarhopalocera);
weiters die Heuschrecken (Orthopteren) und  die Libellen (Odonata). 
Neben diesen Insektengruppen und Spinnen wurden auch die Vögel als aussagekräftige Bioindikatoren herangezogen (Betreuer:  Dr. Enrico Bassi).  Die Untersuchungen haben auf 76 Probeflächen von den Haupttalsohlen bis in die alpine Stufe oberhalb der Wald- und Baumgrenze und zwei aufeinanderfolgende Sommer betroffen.Im Südtiroler Parkanteil lag die tiefste Probefläche auf 776 Metern Meereshöhe im Auwald an der Etsch zwischen Göflan und Laas und die höchste in den alpinen Rasen auf 2.591 m MH auf Madritsch in Martell. 

Fangmethoden und -zahlen
Bodeninsekten wurden in Bodenfallen in Form von Bechern mit Essigködern gefangen, Schmetterlinge durch Beobachtungen bestimmt. Schwierig zu bestimmende Arten wurden mit Fangnetzen gefangen, um sie unter dem Mikroskop bestimmen zu können. Die Kontrolle und Entleerung der Fangbecher erfolgte alle zwei Wochen 7-12 Mal pro Fangsaison je nach Lage der Probefläche.
Um eine Vorstellung von der Fangausbeute zu geben: Im Zeitraum zwischen Mai und September 2014 wurden im Südtiroler Parkgebiet in 620 Fallen 38.440 Exemplare von bodenlebenden Makro-Invertebraten gefangen, im Trentiner Gebiet in 305 Fallen 20.420 Individuen.
Taxonomen am Naturmuseum Trient oder an der Universität Pavia als Experten für die jeweilige Tiergruppe haben die verschiedenen Arten in den Folgemonaten im Labor bestimmt. 

Ornithologisches Monitoring
Die Vögel wurden durch zweimaligen Besuch der Probeflächen erhoben. Dabei wurden die Termine an den Beginn und an das Ende der Brutsaison gesetzt, so dass die Vogelarten nach brütenden und nicht brütenden Arten und Durchziehern unterschieden werden konnten. Das Ansprechen der Vögel erfolgt durch Sichtbeobachtung und das Zuordnen der Stimmen und Rufe aus Hörproben über 20 Minuten. Dabei war die zeitliche Dauer der Hörproben standardisiert.

Vegetationserhebungen
Zur Charakterisierung der verschiedenen Lebensräume wurden auf den Probeflächen auch Vegetationsaufnahmen gemacht, ebenso das Mikroklima mit der Lufttemperatur als Parameter über Datenlogger aufgezeichnet. 
Ergebnisse 2013-15
Ornithologisches Monitoring
Im Dreijahreszeitraum konnten entlang der insgesamt 12 Höhengradienten im trentiner, lombardischen und Südtiroler Anteil des Nationalparks Stilfserjoch insgesamt 89 Vogelarten nachgewiesen werden. ¾ der im Nationalpark Stilfserjoch erfassten Arten gehören zur Ordnung der Passeriformes (Sperlingsvögel). Zum einordnenden Vergleich: Der Vogelatlas Südtirol listet für unser Land Südtirol insgesamt 120 Arten von Brutvögeln auf. 
Das Monitoring der Wirbellosen
Von den Laufkäfern(Carabidae) haben unsere Experten im Dreijahreszeitraum 2013-2015 insgesamt 90 Arten gefunden. 64 der 90 Arten kommen im lombardischen Anteil des NPS vor, 66 im Südtiroler Flächenanteil und 59 im trentiner Parkgebiet. 
Die Bestimmung der Spinnen(Familie der Webspinnen Aranae), Kurzflügler (Staphylinidae) und Ameisen(Formicidae) nicht nur nach Familien und Gattungen, sondern herunter bis zur einzelnen Art ist schwierig und erfolgt nach Fang und Konservierung der Tiere teilweise unter zu Hilfenahme des Mikroskops im Labor. 
Bei den Tagfaltern(Rhopalocera)wurden im Dreijahreszeitraum 2013 – 2015 innerhalb der Probeflächen im Nationalpark Stilfserjoch insgesamt 132 Schmetterlingsarten identifiziert. Davon entfielen auf den Südtiroler Anteil 96 Arten, welche auf folgende Familien aufgeteilt waren: Dickkopffalter (Hesperiidae 13 Arten), Ritterfalter (Papilionidae 3), Weißlinge (Pieridae 12), Bläulinge (Lycaenidae 25), Edelfalter (Nymphalidae 43). Außerhalb der Probeflächen konnten noch 12 weitere Arten von Tagfaltern erhoben werden. Der Erhebungszeitraum lag im Jahre 2015 zwischen 10. Juni und 3. September. 
Bei den Heuschrecken (Orthoptera) konnten unsere Taxonomen insgesamt 42 Arten, identifizieren, 28 davon auch im Südtiroler Parkanteil. Die vier häufigsten Arten, die in allen erfassten Tälern des Nationalparks vorkamen, waren dabei der Gemeine Grashüpfer (Chorthippusparallelus), der Bunte Grashüfer(Omocestusviridulus), die Gewöhnliche Gebirgsschrecke (Podismapedestris) und der Heidegrashüpfer (Stenobothruslineatus).
Die Erhebung der Libellen(Odonata)ist unsystematisch entlang von einigen Gewässerläufen und an stehenden Gewässern erfolgt und hat eine erste Datenbank zu den vorkommenden Arten ergeben. Im Südtiroler Parkanteil konnten in den zwei Sommern 2014-15 insgesamt 10 Arten nachgewiesen werden, welche den fünf Libellenfamilien der Schlanklibellen (Coenagrioniidae, 3 Arten), Edellibellen (Aeshnidae 4), Quelljungfern (Cordulogastridae 1), Falkenlibellen (Corduliidae 1) und Segellibellen (Libellulidae 1) angehören. 

Wiederholung der Felderhebung
In der Zwischenzeit ist nach der fünfjährigen Pause die Felderhebung im lombardischen Teil des Nationalparks in den Sommern 2018-19 wiederholt worden. Die Ergebnisse werden im Laufe des Jahres 2020 zur Verfügung stehen. 

Text: Wolfgang Platter, 30. März 2020
Amt für den Nationalpark Stilfserjoch
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